15. November 2021

Gedanken zum Volkstrauertag

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, meine sehr verehrten Damen und Herren,

der Monat November ist traditionell dem Gedenken an die Toten gewidmet. Es gibt deshalb die stillen Feiertage Allerheiligen, den Totensonntag und den heutigen Volkstrauertag. Zu unserer alljährlichen zentralen Gedenkfeier hier vor dem Mahnmal unweit unserer Konradkirche begrüße ich Sie alle sehr herzlich und freue mich, dass Sie gekommen sind, um innezuhalten und ein Zeichen gegen Gewalt und Krieg zu setzen. Ich danke allen Mitwirkenden, die unsere Gedenkfeier gestaltet haben und diese Veranstaltung mit einem Beitrag bereichern. Insbesondere möchte ich mich bei der Chorvereinigung Haar und der Bläsergruppe der Musikschule für die musikalische Untermalung bedanken.

Heute begehen wir den Volkstrauertag. Seine ursprüngliche Bedeutung war es, die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg als einschneidendes und tiefgreifendes Ereignis der deutschen Geschichte wachzuhalten und an die getöteten deutschen Soldaten samt den trauernden Angehörigen zu denken. Das gemeinsame Trauern war aus einem Solidaritätsgedanken heraus motiviert, derjenigen, die keinen Verlust zu beklagen hatten, mit denjenigen, die ihre Ehemänner, Väter und Brüder im Krieg verloren hatten. 1922 standen in der ersten offiziellen Rede zum Volkstrauertag, die der damalige Reichstagspräsident Paul Löbe gehalten hat, die Versöhnung und Verständigung im Mittelpunkt.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verkehrte sich dieser Charakter ins Gegenteil. 1934 wurde der Volkstrauertag zum „Heldengedenktag“ erklärt und als sogenannter gesetzlicher Feiertag zu Propagandazwecken missbraucht. Von kriegerischem Heldentum war am Ende dieser Jahre nichts mehr übrig. Europa lag in Trümmern. Millionen hatten sinnlos ihr Leben verloren. In den vielen Schlachten und deren grauenhafte Auswirkungen genauso wie durch kaltblütige Vernichtung und Ermordung. Zur Trauer gesellte sich in Deutschland die Scham über das Geschehene.

Erst in der Nachkriegszeit, genauer gesagt ab 1950 wurde der Volkstrauertag in der Bundesrepublik Deutschland wieder in seiner ursprünglichen Bedeutung eingeführt. Neben der Trauer, steht der Tag seither auch für Versöhnung, Verständigung, Frieden, aber vor allem auch mahnende Erinnerung.

Erinnert wird aber heute nicht nur an alle Opfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs, sondern an alle Toten aufgrund von Krieg, Gewaltherrschaft und Terror. Inzwischen wird am Volkstrauertag ebenfalls der bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr gefallenen deutschen Soldaten gedacht. Zumindest am Rande, denn mit militärischen Einsätzen deutscher Soldaten außerhalb unserer Landesgrenzen, tun sich viele von uns schwer. Wie mit dem militärischen Bereich unserer Gesellschaft überhaupt. Das ist mit Blick auf unsere Geschichte, vor allem auf deren dunkelste Kapitel, mehr als verständlich. Auf der anderen Seite ist es unlauter denen gegenüber, die für unseren Frieden, für unsere Sicherheit ihr Leben riskieren. Oder gar verlieren.

Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, meine sehr verehrten Damen und Herren, liegen nun viele Jahrzehnte zurück. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir seit dieser Zeit kein Kriegsgeschehen in unserem Land erleben mussten. Bereits mehrere Generationen in unserem Land sind bisher verschont geblieben von durch Krieg verursachten Gräueln und Leid. Dennoch – die Welt ist nicht frei von Krieg. Es vergeht kein Tag, an dem nicht in irgendeinem Land geschossen, gebombt und getötet wird. Irgendein Land. Das klingt fern und zumeist sind es die bewaffneten Konflikte und Kriege, geographisch gesehen, auch. In einer globalisierten Welt, gibt es allerdings keine Ferne mehr. Wir leben zwar in einem durchaus glückseligen Land, aber eben auf keiner Insel der Glückseligen. Die Auswirkungen von kriegerischen Auseinandersetzungen anderswo, und sei es auf der anderen Seite der Erde, kommen nicht nur durch Bilder zu uns, sondern ganz real. Der Terror dort, kann im nächsten Augenblick zum Terror hier werden. Vertriebene und Flüchtende dort, werden zu Hilfesuchenden vor unseren Türen.

Die Welt ist kleiner geworden, sagen wir gerne mit Blick auf globale Handelsströme, auf internationale Wissenschaftsprojekte oder schlicht unsere so viel geliebte Reisetätigkeit. Gleiches gilt aber auch für alle anderen Bereiche. Insbesondere gilt es unserer Verantwortung für den Frieden. Diese Verantwortung erschöpft sich nicht in dem an Gedenktagen vielzitierten Ausruf: Nie wieder! Sie erschöpft sich auch nicht darin Zeichen von Versöhnung und Hoffnung zu setzen. Vielmehr mahnt uns der heutige Tag des Gedenkens auch zum Nachsinnen darüber was wir alle als Nation, als Kommune, aber auch als Einzelne für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit tun können, ja tun müssen. Zu Recht wird von uns Deutschen erwartet, alle Möglichkeiten zur Förderung eines gerechten Friedens und zur Wahrung der Menschenrechte auf der ganzen Welt konsequent auszuschöpfen. Und genau diese Möglichkeiten sind es, die wir wieder und wieder auf den Prüfstand stellen, debattieren und wenn es darauf ankommt auch entscheiden müssen.

„Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt“, sagte am 11. März 2004 der damalige deutsche Verteidigungsminister Peter Struck. Dennoch behauptete die Bundesregierung lange Zeit, dass Deutschland keinen Krieg führe. Zur Erinnerung: Nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington am 11. September 2001 hatte die NATO erstmals seit ihrer Gründung 1949 den Verteidigungsfall gegenüber der Aggression aus Afghanistan erklärt.

Damals wurde eine Entscheidung getroffen. Und so gut es ging rhetorisch kaschiert. Das war unredlich. Unredlich vor allem jenen gegenüber, die in einem zwanzigjährigen Krieg ihr Leben riskiert und verloren haben. Unredlich war aber auch die teilweise scharfe Kritik an den militärischen Ehren die diesen Soldaten, wenn auch spät, aber vor kurzem dann doch, zu Teil geworden sind. Wer darin ein Problem sieht, könnte es mit einem Wechsel der Perspektive versuchen und militärische Rituale wie den Großen Zapfenstreich oder auch Ehrenwachen, wie sie auch heute bei uns am Mahnmal gehalten wird, als ein mahnendes Symbol verstehen. Als Stachel im Fleisch der mittlerweile nicht wenig verbreiteten romantischen Vorstellung, dass nur alles soldatische getilgt werden müsse, um eine friedvolle Welt zu erhalten. So schön Romantik in der Liebe ist, so falsch ist sie in der Politik.

Die Welt ist kein friedvoller Ort. Und solange Menschen auf ihr Leben, wird sie das auch nicht sein. Denken wir an diesem Tag also auch daran, dass Millionen von Menschen auch heute, in dieser Stunde, im Krieg leben müssen oder davor fliehen. Denken wir also heute auch besonders an die Getöteten der bewaffneten Konflikte und politischen Willkürherrschaften in der Gegenwart. Führen wir uns vor Augen, wie wenig selbstverständlich Frieden heute ist und wie existenziell eine gefestigte, starke Demokratie ist, die sich mit dieser Tatsache auseinandersetzt. Eingedenk der besonderen Verantwortung, die sich aus unserer Vergangenheit ergibt.

In Ehrfurcht vor den Toten beider Weltkriege und der Opfer von Gewaltherrschaft sowie vor allen Kriegsopfern und im Dienst gestorbenen Soldaten weltweit, insbesondere den 59 gefallenen deutschen Soldaten in Afghanistan, legen wir als Zeichen des Gedenkens diesen Kranz nieder. Wir bleiben ihnen verbunden in der dauerhaften Verpflichtung für Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit. Und dies wollen wir für uns im Gedächtnis und im Herzen bewahren, wenn wir heute hier stehen und alle zusammen den Volkstrauertag begehen. (...)