06. April 2021

Dirigentenstab weitergereicht

Unglaubliche vierzigeinhalb Jahre  gab er den Takt an der Haarer Musikschule an. Jetzt reichte er den Taktstock weiter: Klaus-Dieter Engel verabschiedete sich in den Ruhestand, sein bisheriger Stellvertreter  Clemens Wiedemann übernimmt.

Der Engel landete im Oktober 1980 in der frischgegründeten Musikschule Haar. Angeflogen kam der gebürtige Waldtruderinger aus Vaterstetten. Denn hier hat der 25-jährige hochengagierte Musikpädagoge, der gerade frisch von der Hochschule kam, nebenbei unterrichtet. Ganz simpel auf eine Annonce hat sich Klaus-Dieter Engel für die Schulleitung beworben – und man konnte schlichtweg nicht Nein sagen zu dem Trompeter mit dem künstlerischen und pädagogischen Prädikatsexamen. Großzügig unterstützt von der Gemeinde stellte Engel eine junge Schule auf die Beine. Die strenge Klavierlehrerin gehörte von nun an der Vergangenheit an: Man unterrichtet auf Augenhöhe, war experimentell, setzte auf Zusammenspiel und Teamleistung.

Selbst als Engel 1989 als Dozent an die Hochschule ging und dort am Lehrstuhl für Musikpädagogik sogar eine Professur erlangte, blieb er seiner Musikschule treu. „Das war mein Kind, das lässt man nicht im Stich“, sagt er. Im Gegenteil: Er machte die Haarer Schule zum Partnerinstitut der Hochschule. Sein Resümee? „Ein Leben ohne Musik – das ist nix“, sagt er. Und die Entscheidung, nicht fest in ein Orchester zu gehen, sondern die Menschen zum Musizieren zu bringen, hat er niemals bereut. „Ein schöner Ton verfliegt, aber die Menschen die bleiben. Und machen einen stolz.“ Aufgrund der Pandemie wurde es vorerst nur ein leises Servus, das Engel den rund 500 Schüler*innen und 26 Lehrer*innen zum Abschied sagen konnte.

Doch das wird nachgeholt, betont auch sein Nachfolger Clemens Wiedemann. Er gehört bereits seit 1992 zur Musikschul-Truppe, seit acht Jahren ist er Engels Stellvertreter. Schon mit sechs Jahren spielt er Blockflöte, mit elf findet er seine große Leidenschaft in der Gitarre, die er nicht nur in allen Variationen spielt, sondern auch sammelt. Je skurriler, desto besser. Seine musikalische Heimat ist, als Jahrgang 65, der Punk. Aber keine Sorge: Er kann allen Musikstilen etwas abgewinnen. Genauso, wie er allen Menschen den Weg zur Musik ebnen will. Deshalb hat er sich auch vor über 20 Jahren auf den inklusiven Weg gemacht. Die erste inklusive Band Haars, die Blue Dolphins, gingen unter anderem auf sein Konto.

Jetzt hat Wiedemann einen neuen großen Plan: Gerne möchte der neue Leiter die gesamte Musikschule innerhalb eines Werks gemeinsam auf die Bühne bringen. Ein Musical schwebt ihm vor. Und wer weiß, vielleicht steht ihm noch irgendwie ein Engel bei. Denn der will noch dringend viele Kisten ausräumen in Haar. Besser gesagt die vielen riesigen Noten-Nachlässe und -Geschenke, die sich in 40 Jahren angehäuft haben, in eine gut geordnete Musikbibliothek packen. Wir wünschen nur das Beste – allen beiden.