30. Juni 2021

Haar schafft MehrWert mit MehrWeg

Förderung für Gastrobetriebe

Wichtiger Schritt auf dem Weg zur Zirkularität

„Essen to go“ war gerade in Pandemiezeiten beliebt und eine (überlebens)wichtige Unterstützung für alle Gastronomiebetriebe. Doch es gibt auch eine Schattenseite: Das Müllaufkommen ist durch die Styroporschachteln und Alutöpfchen deutlich gestiegen. Doch das geht auch anders: Mittlerweile gibt es eine Reihe Anbieter von Pfandgeschirr, mit dem man die Köstlichkeiten ohne Umwelt-Reue auch daheim genießen kann. Um den Umstieg für die Gastronomie auf Mehrweg anzukurbeln, unterstützt die Wirtschaftsförderung der Gemeinde Haar die Betriebe bei dem ersten Jahresbeitrag mit bis zu 500 Euro.

Da Pino
Sie sind nicht nur lecker, sondern auch eine Augenweide: die italienischen Köstlichkeiten, die Pino Montesano vom Ristorante Da Pino auf die Teller zaubert. Doch wie soll so etwas aussehen, wenn die knusprig angebratene Dorade mit dem feinen Schäumchen „to go“ angeboten wird? Darüber hat sich der Gastwirt und Koch viele Gedanken gemacht – denn gerade seit dem Lockdown hat Da Pino viel Essen zum Mitnehmen rausgegeben. Der Umweltgedanke wurde dabei immer drängender. Und so haben sich die Montesanos jetzt ein Mehrweg-System gesucht, bei dem sie ihre Speisen gut präsentieren und transportieren können – und das auch sonst ansprechend aussieht. „Da braucht das chinesische Restaurant sicher etwas anderes als wir“, sagt Pino Montesano. Doch das Angebot an verschiedenen Größen und Formen des Mehrweggeschirrs ist groß, da findet sicher jeder das Passende, sagt der Gastronom. Nur mit den Pizzakartons, da befindet sich Pino immer noch selbst im Findungsprozess. Das sei schwieriger als gedacht.

Eiscafé Firenze
Auch Rolando Nardi vom Eiscafé Firenze am Bahnhof findet, man muss verantwortlich umgehen mit dem Thema Umwelt. Gerade in seinem to-go-Geschäft waren ihm die Berge an Eisbechern und Löffelchen längst ein Dorn im Auge. Plakativ hat er im Cafe eine Tonne mit all den Einweg-Artikeln bestückt, die man hier ausgegeben hat – vom Eis- und Kaffeebecher bis zum kleinen Plastiklöffelchen. Auch er hat lange recherchiert und sich letztlich für einen italienischen Anbieter entschieden. Jetzt gibt das Firenze die Mehrwegbecher mit 20 Cent Pfand raus. Dazu hat sich Nardi ein ausgeklügeltes Rabattsystem erdacht, das auch einen Thermomehrwegbecher als Prämie beinhaltet. „Unsere Aufgabe ist es, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren“, findet Nardi. Sobald all seine Restbestände an Einweggeschirr verbraucht sind, gibt es an der Eisdiele am Haarer Bahnhof nur noch Mehrweg. Am liebsten wäre es Familie Nardi aber natürlich, wenn man auf die „italienische Art“ seinen Espresso trinkt: aus der Porzellantasse gemütlich und vor Ort.

Almwirt
Im Almwirt gibt es gut bürgerliche und alpenländische Küche. Doch auch hier nehmen spätestens seit der Pandemie die Menschen ihren Schweinsbraten mit Knödel mit nachhause – aber sie wollen trotzdem nicht, dass alles in einer wilden Mischung am heimischen Essenstisch ankommt. Auch hier hat sich der Wirt Klaus Bartl umgeschaut – und auch er hat das passende System gefunden.

Café Jedermann
Seit Eröffnung im Mai 2021 setzt auch das Café Jedermann auf Nachhaltigkeit: Auf dem Gelände des Klinikums als Nachfolger des Café Regenbogen hat es sein neben seinem Augenmerk auf regionale Zutaten auch sofort auf ein nachhaltiges Mehrweg-Pfand-System gesetzt liegt. Auch ohne die Unterstützung der Gemeinde. Das ist der vierte Gastrobetrieb im Haarer MehrWeg-Reigen.

Weniger Systeme wären verbraucherfreundlich
Alle offiziellen Unterstützer der Mehrweg-Idee in Haar unternahmen nun kürzlich einen ersten Besuch bei den Mehrweg-Pionieren der Gemeinde – und dabei wurde eines schnell klar: Am sinnvollsten wäre es, wenn sich die Gastronomen auf ein oder höchstens zwei verschiedene System einigen könnten. „Das wäre für den Verbraucher sehr sinnvoll“, findet auch Haars 3. Bürgermeisterin Katharina Dworzak, die die Mehrweg-Förderung mit ihrer SPD-Fraktion in den Gemeinderat eingebracht hatte. In Haar hatte man da sehr schnell einen Konsens. „Auf diese Weise schärfen die Betriebe in unserer Gemeinde ihr Profil als innovative und umweltfreundliche Unternehmen. Nachhaltigkeit wird belohnt und unterstützt“, bekräftigt auch Bürgermeister Dr. Andreas Bukowski.

Möglicher Austausch und Steuerung durch Gewerbeverband
Aufgrund der freien Marktwirtschaft darf sich aber selbstverständlich jeder Gastronom sein System selbst wählen, die Gemeinde kann und darf da keine Vorschläge machen.Da setzt man auf einen Austausch im Rahmen des Gewerbeverbands Haar-Trudering. Die haben mit dem Vorstand Dr. Ansgar Sommer einen rührigen Fürsprecher des Umwelt-Themas. „Diese Umstellung betrifft allein hier in Haar / Trudering mehr als 100 Gastronomen, Hotels und Nahversorger - darunter auch viele unserer Mitgliedsbetriebe des Gewerbeverbandes“, so der Vorstand. „Auf dem Weg zur „Circular Community“ ist die Umstellung auf das Mehrwegsystem ein wesentlicher Faktor“, ergänzt Haars Bürgermeister.   

DEHOGA mit an Bord
Und auch der DEHOGA (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband e.V.) ist mit an Bord. Hier vereinen sich alleine in der Kreisstelle München 1.250 Mitglieder aus Hotellerie und allen gastronomischen Bereichen in der Landeshauptstadt und dem Landkreis München. Der Kreisvorsitzende und stellvertretende Bezirksvorsitzenden Christian Schottenhamel erinnerte bei der Tour an den Rückschritt, den die Gastronomie in Sachen Mehrweg einstecken musste mit Beginn der Corona-Pandemie. „Auf einmal musste man wieder Einzelverpackungen anbieten – dabei waren wir schon so weit in Sachen Ökologie“, erklärt er. Deswegen setze man alles dran – trotz der derzeitigen Vielfalt der Anbieter - Mehrwegsysteme „jetzt schon auf die Straße zu bringen“, betonte der Wiesnwirt. Zu dem Team der Haarer „Mehrwert Mehrweg“-Kampagne gehört auch Daniela Ziegler, Kreisgeschäftsführerin des DEHOGA Bayern, die von der Umstellung auf eine vollumfassende, einfache Mehrweglösung überzeugt ist: „Ich freue mich, dass wir in München und in der Gemeinde Haar beim Thema Mehrweg als Vorreiter vorangehen können. Das Gastgewerbe zeigt damit, dass das zentrale Thema Nachhaltigkeit einen sehr hohen Stellenwert hat.“

Wichtiger Schritt Richtung Circular City
Für Haar ist das auch ein weiterer wichtiger Schritt in die richtige Richtung: Im Rathaus wird an den Stellschrauben gedreht, um den Wandel hin zu einer sinnvollen Kreislaufwirtschaft voranzubringen. So wird Haar auf dem Weg zur „Circular City“ gemeinsam mit den lokalen Betrieben gebracht. Um den Umstieg für die Gastronomie anzukurbeln, unterstützt die Wirtschaftsförderung der Gemeinde Haar die Betriebe beim ersten Jahresbeitrag.

Bald gesetzliche Verpflichtung
Die Gemeinde Haar hofft, dass sich noch viel mehr Gastronome, aber auch Metzger oder Bäcker mit Take-Away-Angebot, für die Unterstützung bewerben. Es dauert auch nicht mehr allzu lange, dann wird eine Umrüstung zur Pflicht. Denn der Bundestag hat am 20.1.2021 die Novelle des Verpackungsgesetzes beschlossen. Restaurants, Caterer, Gastronomie, Bistros, Cafés - alle Unternehmen, die To-Go und Take-Away anbieten, müssen ihre Lebensmittel ab 2023 auch in Mehrwegbehältern verpacken, die sie nach Gebrauch zurücknehmen.

Mehrweggeschirr bei Ristorante da Pino: Pino und Giulia Montesano mit Bürgermeister Dr. Andreas Bukowski und Katharina Dworzak (3.Bgm)

Rolando Nardi mit Mehrweggeschirr vor dem Eiscafé Firenze

Mehrweggeschirr beim Almwirt: v.l. Daniela Ziegler (DEHOGA Bayern Kreisgeschäftsführerin), Dr. Andreas Bukowski (Bgm), Katharina Dworzak (3.Bgm), Christian Schottenhamel (DEHOGA Kreisvorsitzender München), Klaus Bartl (Almwirt), Alicia Frey (Wirtschaftsförderung Haar),  Dr. Ansgar Sommer (Gewerbeverband Haar-Trudering).